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Hollmann/Deufel

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Oleg Hollmann and Sebastian Deufel are the minds behind the album „Die Wildnis“ („the wilderness“ )The sound of the Berlin based duo is founded on the restriction to the two main instruments baritone sax and drums, but does unfold through incorporating the full expressional means of the recording studio. In between these opposing poles, the heavy mass of sound is being cast into shape during the course of the seven tracks of the album while the cooperation with multi-instrumentalist Ruth Schepers adds a metallic sheen. The musical frugality as well as the context make for a political album.

 

In the words of the artists:

 

A word on time reference: What does it mean to create music in times of war?

 

It is hard to put into words -or music for that matter- the impressions and feelings of the last year

Yet we want to try it, if haltingly at first. Like a sip of alcohol, sarcasm helps with getting started: A set phrase, four beats of a kick drum. Don`t they say that music is best suited for expressing and sharing existential topics and the strongest of emotions? Music, too, knows those moments in which you´d rather shut up.

A few weeks ago I read of a Ukrainian photographer, who, facing the destruction of his hometown, didn´t feel the urge to „...point his camera on the misery“. As a professional, do you have to force yourself to document the war? And what will be left for us to do? Overcome the shock-induced paralysis and talk about the war, put it into sound, dance it, in order not to surrender?

Sounds a bit (ch)easy and smells like clichée...Here in Berlin the war, being far away one moment and painfully close the next, eludes every logic, every order.

 

Excess, mayhem – that’s the violence and the silence thereafter, the cold and the heat, hunger and abundance. What stream do we have to go up in order to face that wilderness?

It’s the stream of refugees, the digital stream of the war on information, and it’s the stream of oil and gas at whose source civil order collapses in the hail of bombs. Here, like at the origin of coordinates, the wilderness can expose its full power – despite having long since been cleared by humans and then covered with concrete can expose its full power and ironically still having its safe haven right within us.

 

When we first meet in Studio Wong Kreuzberg in ´21, the war in Ukraine is in preparation. Some might say it already has been going on for 8 years. Or has war always been there, being the intrinsic normal state of human cohabitation? Anyway, we are in Berlin, in the quietness of a music studio. We want to create music, record it. But at the same time we can not draw a line between our art and reality. Jazz music doesn´t lend itself to programme music particularly well. After all, „programme“, the explicit, the intention isn’t really tangible. Examples of music being misused as torture or a stimulant are too numerous. Neither does the antipode fit our understanding of music, and of jazz in particular: the escape into a universe of conventions, predetermined structures and combinatorics - well, that too has its justification.

 

So, we want to do it. We want to play facing the world as it is and have this world within our music. On „Die Wildniss“ there are songs, there is chaos and there is anarchy, there is abstract constraint, pointless freedom, harshness, melancholy, cynicism. And yes, over all it is a dark album.

 

OH and SD May 2022

:: german version ::

Für das Album „Die Wildnis“ zeichnen die Berliner Musiker Oleg Hollmann und Sebastian Deufel verantwortlich. Der Sound des Duos ist geprägt durch die Reduktion auf das Hauptinstrumentarium Bari-Sax/Drumset, entfaltet sich aber ebenso durch die Einbeziehung sämtlicher Ausdrucksmittel eines Tonstudios. Zwischen diesen Gegenpolen  wird die schwere Klangmasse im Verlauf der sieben Tracks in Form gegossen. Einen metallischen Glanz fügt dabei die Kooperation mit der Multi-Instrumentalistin Ruth Schepers hinzu. Musikalische Kargheit ebenso wie der Kontext machen das Album zu einem politischen. Dazu die beiden Künstler:

Ein Wort zum Zeitbezug. Was es bedeutet, Musik in Krisenzeiten zu machen.

Es ist schwer, die Eindrücke und Gefühle des letzten halben Jahres auszusprechen, auszudrücken, zu Musik zu machen. Und doch wollen wir es – anfangs stockend – probieren. Wie ein Schluck Alkohol macht Ironie den Anfang leichter: Eine Floskel, vier Kick-Drum-Schläge. Heißt es nicht, die Musik sei dafür am besten geeignet, existenzielle Themen und stärkste Emotionen zu äußern, zu teilen? Auch die Musik kennt Momente, in denen sie lieber den Mund halten würde. Vor einigen Wochen las ich von einem ukrainischen Fotografen, der angesichts der Zerstörung seiner Stadt, keinen Drang verspürte, „die Kamera auf das Elend [zu] richten.“ Muss man als Profi, sich überwinden, den Krieg dokumentieren? Und was bleibt uns? Die Schockstarre abschütteln und über den Krieg sprechen, ihn in Töne setzen, ihn tanzen, um sich ihm nicht zu ergeben? Klingt etwas einfach und riecht nach Kitsch. Dieser Krieg, der hier in Berlin in einem Moment weit weg, im nächsten schmerzlich nah dran ist – er entzieht sich jeder Logik, jeder Ordnung.

Der Exzess, die Unordnung – das ist die Gewalt und die Stille danach, Kälte und Hitze, Hunger und Überfluss. Welchen Strom muss man in unserer Zeit hinauffahren, um diese Wildnis zu Gesicht zu bekommen? Es sind die Menschenströme der Flüchtenden, die digitalen Ströme des Informationskrieges und die Erdöl- und -gasströme an deren Ursprüngen die Zivilisationsordnung im Bombenhagel wie im Koordinatenursprung zusammenbricht. Dort kann sich die von Menschen seit langem gerodete und zubetonierte Wildnis, die doch gerade in uns selbst ihren sichersten Rückzugsort hat, die volle Kraft zur Schau stellen.

Als wir uns im Dezember ´21 im Kreuzberger Studio Wong treffen, ist der Krieg in der Ukraine in Vorbereitung. Andere würden sagen, er habe vor acht Jahren angefangen. Oder ist Krieg immer schon da, ja, der eigentliche Normalzustand des menschlichen Zusammenlebens? Wir sind jedenfalls in Berlin, in der Stille eines Tonstudios. Wir wollen Musik machen, sie aufnehmen. Zugleich wollen wir aber keine Grenze ziehen zwischen unserer Kunst und der Welt. Der Jazz taugt schlecht als Programmmusik. Ohnehin ist das „Programm“, das Explizite oder die Absicht, nicht greifbar – zu zahlreich sind Beispiele, wo Musik als Folterinstrument und Aufputschdroge missbraucht wurde. Der Gegenpol dazu passt aber ebenfalls schlecht zu unserem Verständnis von Musik, und insbesondere von Jazz: Die Flucht in ein Universum der Konvention, der klaren Strukturen und der Kombinatorik – gut, auch das hat seine Berechtigung.

Wir wollen es also. Wir wollen der Welt, wie sie ist, ins Gesicht spielen, sie in unserer Musik haben. Auf „Wildnis“ gibt es Songs und es gibt Chaos und Anarchie, es gibt abstrakten Zwang, sinnlose Freiheit, Härte, Melancholie, Sarkasmus. Ja, es ist insgesamt ein „dunkles“ Album.

Oleg Hollmann / Sebastian Deufel / Mai 2022

releases

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Hollmann/Deufel - DIE WILDNIS

 

Album release: 10 JUN 2022

Oleg Hollmann – Baritone Sax, Synth, Rhodes

Sebastian Deufel – Drums, Synth, Rhodes
Ruth Schepers – Flöte (auf Nr. 1 und Nr. 6)

 

Alle Kompositionen von Oleg Hollmann und Sebastian Deufel

 

Aufgenommen, gemischt und gemastert im Winter 2021/2022 im Studio Wong, Berlin
Aufnahme: Olli Wong
Mischung: Andi Bukelini
Mastering: Dennis Kern

 

Fotografie (Cover): Evgeny Maloletka

Fotografie (Portrait): Sabine Alex
Grafikdesign: Ulla C. Binder

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